Wie buchstabiert man den Bildungsauftrag?

Am Nachmittag des 5. Juni 2021, einem diesigen Spätfrühlingssamstag, trafen sich um die hundert Lehrerinnen und Lehrer aus NRW zur Kunstaktion „Pädagogen zeigen Gesicht“ vor dem Düsseldorfer Landtag, um „in Zeiten von Corona“ gemeinsam für ihre pädagogischen wie auch persönlichen Werte und Überzeugungen einzustehen. Die Hintergrundkulisse des Geschehens, ein heruntergekommenes Parkhaus, mutete dabei fast schon symbolhaft für den gegenwärtigen Zustand von Gesellschaft und Demokratie an.

Die Pädagoginnen und Pädagogen standen, in vorschriftsmäßigem Abstand zueinander und im Freien, auf der Wiese vor dem Parlament verteilt, von Zuschauern und Passanten durch Flatterband getrennt, und hielten große Schilder mit Statements in die Höhe (beispielsweise: Ich bin Pädagoge und stehe für Perspektivenvielfalt / Augenmaß / Beziehung / Freude / Diskurs; Ich bin Pädagoge und bin fürsorglich / fehlbar / verantwortlich, oder auch einfach: Mensch). Auf ein verabredetes Zeichen drehten jeweils mehrere nebeneinander stehende Aktivisten gleichzeitig ihre Schilder um, so dass einzelne, groß auf die Rückseite gedruckte Buchstaben sichtbar wurden und sich zu den folgenden, weithin lesbaren Wörtern zusammensetzten: Demokratie, Freiheit, Humanität, Menschenwürde, Integrität, Aufklärung, Urteilskraft, Mündigkeit, Autonomie, Bildung.

„Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos. Das ist ihre Größe.“

Gottfried Benn, 1930


Zunächst begaben sich die Akteure an die Seiten der Rasenfläche, um von dort aus nacheinander aufs Feld zu treten. Gleichzeitig wurden ihre Statements von vorne aus über Megaphon verlesen. Nachdem alle ihre Position eingenommen hatten, enthüllten die Pädagoginnen und Pädagogen schließlich nach und nach die o.g. Begriffe, wobei ganz zum Schluss einzeln dazwischen gestreute Schilder mit großen Fragezeichen sichtbar wurden und dem Zweifel und der Sorge um die Fortgeltung der genannten Grundwerte und Prinzipien deutlich sichtbaren Ausdruck verliehen.

Während eines zunächst stattfindenden Probedurchlaufs kam Unruhe auf, da kontrollierende Mitarbeiter von Polizei und Ordnungsamt die ärztlichen Atteste einiger von der Maskenpflicht befreiter Mitwirkender aus formalen Gründen nicht akzeptierten. Hierfür konnte offenbar eine Lösung gefunden werden, denn die Performance fand dann mit etwas Verzögerung, aber letztendlich wie geplant statt. Die strengen Kontrollen der Behörden erschienen mir von außen betrachtet einigermaßen absurd, um nicht zu sagen: schikanös, da die „Gesicht zeigenden“ Lehrerinnen und Lehrer in mehr als ausreichend großem Abstand zueinander im Freien standen, ohne ihre Position zu verändern, während „unmaskiertes“ Publikum und Passanten in unmittelbarer Nähe völlig unbehelligt blieben (wobei ich letzteres an sich ausdrücklich positiv bewerte). Wie dem auch sei, die Aktion konnte beginnen.

Diejenigen Zuschauerinnen und Passanten, die ihre Haltung zum Ausdruck brachten, äußerten vielfach Sympathie, etwa durch Beifallklatschen, z.T. aber auch offene Ablehnung der Aktion. So wurde ich persönlich Zeuge einer Szene, bei der zwei Männer mit für mich unklarem beruflichen Hintergrund sich deutlich hörbar empörten, die beteiligten Lehrer sollten sich dafür schämen, sich während einer Pandemie vor den Landtag zu stellen und demnächst womöglich Kinder zu infizieren. Eine Zuschauerin, die eine solche Diffamierung nicht unwidersprochen hinnehmen wollte, setzte dagegen, dass Kinder nicht hauptsächlich Opfer des Virus seien. Einer der beiden Erstgenannten, offenbar nicht in der Lage, die, nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht verantwortungsbewusst vorgetragene, demokratische Meinungsäußerung einer noch so kleinen Minderheit zu tolerieren, schleuderte der Zuschauerin nur ein barsches „Lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen!“ entgegen. Whatever.

Von Passanten hörte ich aber auch zustimmende Reaktionen, wie z.B. „endlich setzt sich jemand für die Kinder ein“ oder „gut, dass sich so viele zusammengeschlossen haben. Einzeln würden die doch fertiggemacht!“

Mein persönlicher Eindruck von der Kunstaktion „Lehrer zeigen Gesicht“ war durchweg positiv. Die Kolleginnen und Kollegen, denen ihr Mut und ihr persönlicher Einsatz hoch anzurechnen sind, demonstrierten standhaft, friedlich und selbstbewusst für genau jene demokratischen Grundwerte, die unseren Bildungsauftrag ausmachen (und nicht etwa Anpassung, blinder Gehorsam, Geschichtsvergessenheit). So manch eine (und natürlich auch so manch einer) trug dabei sogar ein Lächeln im Gesicht.

#paedagogenzeigengesicht

Credits

Herzlichen Dank an Dr. Matthias Burchardt für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial (Bilder mit dem Hashtag #paedagogenzeigengesicht).

„Kernkompetenz Flexibilität“
Herrschaft durch Manipulation

Comments

  1. Torsten Kraus
    7. Juni 2021 - 16:20

    Ein ausgewogener und fairer Bericht, der sich wohltuend von anderen Medien abhebt, die Regierungskritik partout mit Verschwörungstheorien in Verbindung bringen wollen.

    • Tilman Gruhn
      9. Juni 2021 - 20:24

      Ich würde meinen Bericht zwar eher als offen unterstützend, und nicht als ausgewogen bezeichnen, freue mich aber über die positive Rückmeldung. Vielen Dank!

  2. Unendlich dankbar für Menschen, die nicht alles über sich ergehen lassen, sondern mit Kreativität und Köpfchen Widerstand leisten über Entscheidungen, die größtenteils über aller unser Köpfe hinweg entschieden wurden-und dass erschreckender Weise weltweit. Aber auch in anderen Ländern regt sich Widerstand.

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