Abtau’n Girl

Kürzlich bin ich über folgende Passage aus einem Interview mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer gestolpert:

Jo Schück: Fühlen sie sich frei? Sind Sie ein freier Mensch?

Luisa Neubauer: Rechtlich gesehen fühl‘ ich mich frei. Demokratisch gesehen fühl‘ ich mich frei. Ich bin auch privilegiert – das macht mich, glaube ich, noch ein Stückchen freier als andere, und das ist aber alles ’ne Momentaufnahme. Und perspektivisch gesehen werd‘ ich unfreier werden.

Aspekte, 4. Juni 2021 (ab ca. 6’20)

Isoliert betrachtet, herausgelöst aus seinem Kontext und in Kombination mit dem bizarren Setting – die beiden Gesprächspartner wurden für das Interview auf zwei benachbarten Hochsitzen platziert – wirkt dieser kurze Ausschnitt wie dadaistische Kunst. Inhaltlich ist die Äußerung Neubauers nahezu sinnfrei. Man ahnt, was sie eigentlich sagen möchte, aber das macht es nicht besser.

Unübersehbar ist die Diskrepanz zwischen den Aussagen „Demokratisch gesehen fühl‘ ich mich frei“ und dem unmittelbar darauf folgenden „Ich bin auch privilegiert – das macht mich (…) noch ein Stückchen freier (…)“. Dieser Bruch in der Argumentation ist entlarvend und sagt einiges über die Ignoranz der Sprecherin gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen aus.

Rechtlich-politische Freiheit ist für Neubauer, jedenfalls wenn man sie beim Wort nimmt, ein Zustand, den sie lediglich „fühlt“, während ihre eigentliche, persönliche Freiheit auf realen Privilegien beruht („ich bin …“, „das macht mich …“). Sie verwendet an dieser Stelle den Komparativ („freier“), was die lediglich „gefühlte“ rechtlich-politische Freiheit sogleich relativiert. Für Neubauer ist dieser Widerspruch allerdings kein Anlass für eine genauere Betrachtung der sozialen Verhältnisse. Ihr Fokus liegt vielmehr auf der Verteidigung ihrer persönlichen Privilegien („perspektivisch gesehen werd‘ ich unfreier werden“), auch stellvertretend für die Ansprüche von ihresgleichen – aber gegen wen eigentlich? Letztlich handelt es sich, zugespitzt formuliert, um einen innerbürgerlichen Konflikt zwischen weißen alten Männern und weißen jungen Frauen, wobei der Generationengegensatz eine offenkundig größere Rolle spielt als das Geschlecht und das Weißsein der Kontrahenten.[1]

Die Einengung des Freiheitsbegriffs auf die Privilegien der „bürgerliche Mitte“ folgt einem Muster, das seit der französischen Revolution bekannt ist. In dieser setzten sich letztlich die besitzbürgerlichen, gemäßigt liberalen Kräfte gegenüber den Sozialrevolutionären durch, wobei deren Versuch einer grundlegenden Umwälzung der (Besitz-)Verhältnisse mittels einer Diktatur des Wohlfahrtsausschusses heute überwiegend auf abwertende bis diffamierende Begriffe wie „Schreckensherrschaft“, „Terrorherrschaft“ oder (am ehesten zutreffend) „Jakobinerdiktatur“ verengt und reduziert wird.

Aber die Klimabewegung wünscht wohl ohnehin keine Revolution, sondern – ganz im Gegenteil – die Bewahrung des status quo, wenn auch mit grünem Anstrich. Um zu erahnen, dass dies kein tragfähiges Zukunftsmodell ist, muss man kein Prophet sein. Solange die Vorkämpferinnen der Klimabewegung sich nicht kritisch mit ihrer Klassenlage auseinandersetzen, wird ihr Kampf ums Weltklima zum Scheitern verurteilt sein – nicht aber die Verteidigung ihrer Privilegien.

Anmerkung

[1] Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, inwieweit hier strukturelle Ähnlichkeiten zum Konflikt zwischen Corona-Maßnahmen-Befürwortern und Querdenkern bestehen, insofern als die Teilnehmer an beiden Diskursen jeweils überwiegend der weißen, bürgerlichen Mittelschicht entstammen. Man könnte beide Konflikte womöglich als Kämpfe um die Eroberung bzw. Verteidigung diskursiver Herrschaft interpretieren.

Lob des Lobes

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