Lob des Lobes

Ich möchte hier einmal eine Lanze für das Lob brechen. Das Lob ist in Verruf geraten. In einer bestimmten pädagogischen Richtung wird es quasi mit Bestrafung gleichgesetzt. Die Argumentation geht ungefähr so, dass durch Strafen und Loben Kinder gleichermaßen abhängig von ihren Eltern, Erziehern usw. gemacht werden und sie so niemals eigenständige Persönlichkeiten werden können. [1]

Ich stimme dem intuitiv zu, wenn es um extreme, oder besser gesagt, extensive Formen der „positiven Verstärkung“ des kindlichen Verhaltens geht. Natürlich wirkt dies manipulativ und negativ auf die Psyche, das leuchtet unmittelbar ein. Diese Position zu verabsolutieren und das Loben völlig zu unterlassen, blendet allerdings eine andere Realität komplett aus: Menschen sind soziale Wesen, die de facto von anderen abhängig sind und dies auch ein Leben lang mehr oder minder bleiben. Es wäre also absurd, in der Erziehung ausschließlich auf völlig eigenständige und unabhängige Individuen abzuzielen.

Es fragt sich, was für ein Menschenbild hinter einer solchen Zielsetzung stecken könnte. Zugegeben, das ist jetzt Spekulation. Mir scheint aber eine Nähe zum Ideal des homo oeconomicus durchaus gegeben zu sein. Wer völlig unabhängig und losgelöst von Gemeinschaft lebt, ist letztlich ein Egoist und sucht vor allem seinen eigenen Vorteil. Was das mit der Gesellschaft macht, kann man in der Realität des Turbokapitalismus vielfach am lebenden Beispiel beobachten.

Insofern sind Formen der Aufmerksamkeit, Bestätigung und positiver Rückmeldung in der Erziehung von sozialen Wesen unabdingbar für eine gesunde Entwicklung – solange es sich nicht um Manipulationen handelt, deren Ziel vorrangig außerhalb des betreffenden Subjekts liegt. Das Loben von Kindern schließt deren Entwicklung zur Eigenständigkeit, Mündigkeit und Freiheit keinesfalls aus. Vielmehr müssen sich in der Erziehung Bindung und Autonomie in einer gesunden Balance wechselseitig ergänzen.

Anmerkung

[1] Kind loben: Was mit Kindern passiert, die ständig von ihren Eltern gelobt werden – FOCUS Online (Das Thema „Loben“ wird hier zwar durchaus differenziert besprochen, aber die „Formulierungsvorschläge“ am Schluss sind meines Erachtens geeignet, Eltern zu verunsichern und ihnen – wenn auch offensichtlich entgegen der Absicht der Verfasserin – das Loben ganz auszutreiben).

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